Saturday, June 2, 2007

Phantomschmerz

Die vorausgegangenen Postings haben gezeigt wie ungenau unsere Wahrnehmung in Wirklichkeit ist. Wir empfinden es anders - aber dieses Gefühl ist auch nur eine "Fassade" die uns von unserem eigenen Gehirn vorgetäuscht wird.
Ist vermutlich auch besser so - denn ohne das Gefühl Kontrolle zu haben würden wir nicht lange überleben; diesen Effekt sieht man sehr schön in Experimenten in denen man jemandem experimentell Schmerzen zufügt:
Personen denen man sagt dass sie das Experiment jederzeit abbrechen können empfinden den gleichen Reiz (Hitze, Strom, ...) als weit weniger schmerzhaft als Probanden die nichts machen können.

Im Tierversuch zeigt sich ausserdem dass Stresssituationen die nicht kontrolliert werden können zu all den typischen Problemen führen wie Bluthochdruck, Magengeschwüren, etc. - während das Gefühl Kontrolle über die Situation zu haben das verhindert.

Zurück aber zu unserer Wahrnehmung: die "Fehler" die unser Gehirn macht wenn es um das Sammeln von Informationen geht kann man auch nutzen um z.b. chronische Schmerzen zu behandeln.

Eine der schwierigsten Situationen im Bereich chronischer Schmerz ist Phantomschmerz. Die bisherigen Erklärungsmodelle sind alle gescheitert weil sie leider das Gehirn des Patienten völlig ausser acht gelassen haben. Man hat versucht alles mit einer rein peripher anatomischen Veränderung zu erklären, d.h. abgetrennte Nerven, etc.
Niemand ist auf die Idee gekommen eine Therapie zu entwickeln die die Sichtweise des Gehirns des Patienten mit einbezieht. Bis V.S. Ramachandran die "Mirror-Box" Therapie entwickelt hat.

Dabei wird dem Gehirn vorgetäuscht dass der amputierte Körperteil noch vorhanden ist und ganz normal bewegt werden kann; da das Gehirn dann keinen Konflikt mehr zwischen Bewegungs- und visueller Information erkennen kann hört der Schmerz nach wenigen Minuten auf:



Die ganze Therapie umfasst natürlich einen etwas längeren Zeitraum - also mehrere Trainingseinheiten pro Tag über mehrere Wochen - aber die Resultate sind so vielversprechend - und v.a. sofort zu spüren - dass es sich wirklich lohnt es zu probieren.

Die gleiche Technik kann man auch für andere schwerwiegende chronische Schmerzprobleme verwenden - allen voran CRPS - hier in Deutschland leider noch unter den Bezeichnungen Morbus Sudeck und Sympathischer Reflexdystrophie bekannt. Allerdings ist es dabei oft nötig die Therapie dabei zunächst auf einem niedrigeren Level zu starten da die Empfindlichkeit teils so hoch ist dass die Spiegeltherapie nicht gleich am Anfang verwendet werden kann.

Ach ja - da Phantomschmerz hier in Deutschland sehr gut erforscht wurde kann man alle Prinzipien die in der "Mirror-Box" Anwendung finden auch auf chronische Rückenschmerzen übertragen denen man dann ein für allemal Ade sagen kann - genau das also was ich in der täglichen Praxis mache.

3 comments:

OAndreas said...

Verstehe ich es richtig dass das Wichtige an der Spiegeltherapie das zu seinen Vorstellungen passende Bild ist, das der Patient sieht?

Wenn ja dann müsste doch eine Kombination aus Messung von Steuerungssignalen und entsprechender Visualisierung allen möglichen Patienten erheblich helfen können...

Matthias Weinberger said...

Ja - kann man so sagen.
Wichtig ist dass man es aus der Sicht des Gehirns des Patienten sieht - dem muss man nämlich den richtigen Input geben.
Angewendet wird dieses Prinzip ja schon seit langer Zeit mit Techniken des Biofeedback; dabei misst man mit Elektroden z.b. Muskelanspannung und macht sie hörbar/sichtbar; so kann jeder sehr schnell lernen gezielt einen Muskel zu entspannen.
Das man solche Sachen auch mit visuellem Feedback und fehlenden Körperteilen machen kann ist aber noch viel genialer.

OAndreas said...

Finde ich sehr interessant, denn es gab doch schon einen erfolgreichen Versuch bei dem einem Gelähmten ein Chips ans Hirn angesetzt wurde...