Friday, August 10, 2007

Viva La Revolution! - Teil 1

Wissenschaft ist eine wunderbare Sache - aller Wahrscheinlichkeit nach die wichtigste Erfindung die die Menschheit je zustande gebracht hat. Mit wissenschaftlichen Methoden lassen sich alle bekannten (und teils noch unbekannte) Phänomene untersuchen.

Ob es sich dabei um die Laufbahnen der Planeten, den Sonnenuntergang oder das Verhalten von Bakterien handelt ist dabei egal. Die Werkzeuge des Wissenschaftlers sind immer die gleichen: das Phänomen beobachten, beschreiben, definieren - und davon ausgehend Theorien aufstellen. Diese Theorien werden dann getestet und mit dem tatsächlichen Verhalten verglichen woraufhin der ganze Prozess wieder von vorne startet.

Photosynthese ist einer dieser enorm wichtigen Prozesse den ich hier bildlich dargestellt habe:

Photosynthesis

Im Laufe der Jahre entwickeln sich Theorien also - sie unterliegen einem evolutionären Prozess; diejenigen die nicht in der Lage sind sich experimentell zu behaupten sterben aus.

Um diesen Level an Genauigkeit zu erreichen war - und ist es nötig - jedes Phänomen in seine kleinsten Bausteine zu zerlegen - man nennt das auch "Reduktionismus". Um z.b. im Ernährungsbereich Aussagen treffen zu können werden Lebensmittel in Kategorien wie Kohlehydrate, Eiweis, Vitamine, etc. aufgeteilt und separat untersucht.

Das ist bis zu einem gewissen Level auch nötig und sinnvoll - um aber die gewonnenen Erkenntnisse sinnvoll im alltäglichen Leben anwenden zu können ist eine "Re-Synthese" nötig, d.h. man muss andere - oft weit entferne Forschungsbereiche mit einbeziehen.

Ein Beispiel: Essen hat eine sehr starke soziale Komponente - es dient der Gruppenbildung und ist eine Art von "social grooming" die wir als Herdentiere brauchen. Isst man alleine fehlt also diese starke soziale/psychische Komponente. Deshalb fühlen sich Singles trotz evtl. besserer Ernährung (rein wissenschaftlich reduziert gesehen) bei weitem nicht so "angenehm satt" wie wenn man in Gesellschaft isst.

Auch die Geschwindigkeit mit der man seine Mahlzeiten zu sich nimmt hat einen grossen Einfluss auf das allgemeine Wohlbefinden - auch wenn der Nährwert gleich ist.

Diese Reduzierung auf einzelne Komponenten ist auch im medizinischen Bereich üblich - das sieht man alleine schon an der Unterteilung in die ganzen unterschiedlichen Fachgebiete: Orthopädie, Pädiatrie, Innere Medizin, etc.

Was macht man aber nun mit einem Patienten der an Rückenschmerzen leidet die er nach einer verheilten Wirbelsäulenfraktur hat? Ist er noch ein orthopädischer Patient (seine Knochen sind ja eigentlich wieder in Ordnung)? - oder ist er "ein Fall für den Psychologen" (denn Schmerz ist ein psychologisches Phänomen)?

Es gibt nach wie vor keinen Beruf dem offiziell die Behandlung eines solchen Falles zuzuteilen ist - obwohl immer mehr Studien und Erfahrungsberichte zeigen dass längst Zeit dafür ist.

Die neuen Technologien die uns durch das Internet zur Verfügung stehen haben die Welt kleiner und "flacher" gemacht wie Thomas Friedman beschreibt. Die alteingesessenen Institutionen und Denkweisen können mit diesen Entwicklungen nicht mehr Schritt halten. Daher ist ein radikales Umdenken aller beteiligten dringend erforderlich - ein Prozess der nicht ohne Herausforderung ist.

In der Literatur spricht man immer von "interdisziplinären Teams" die diese Aufgabe erfüllen sollen - etwas das wir in unserem Rehazentrum auch mit einigem Erfolg täglich praktizieren.

Ich möchte behaupten dass gerade die Physiotherapie ideal am Schneidepunkt steht und diese Aufgabe (in Zusammenarbeit mit allen anderen) sehr gut übernehmen kann.

Uns steht ein grosses Repertoire an Techniken und Möglichkeiten zur Verfügung - von passiven zu aktiven Anwendungen. Ausserdem haben wir in der Regel mehr Zeit mit dem Patienten zur Verfügung so dass wir auch ein gewisses Vertrauensverhältnis aufbauen können. So erfahren wir oft mehr als der behandelnde Arzt dem leider oft nur wenig Zeit zur Verfügung steht.

Wir müssen über die Grenzen schauen und viele verschiedene Bereiche unter einen Hut bringen. Daraus entsteht dann im Laufe der Zeit eine neue Theorie die unser Verständnis des menschlichen Körpers und seiner Funktionsweise komplett auf den Kopf stellt - die aber den Vorteil hat dass wir darauf basierend neue und effektive Behandlungsmethoden entwickeln und anwenden können.

Die Vorarbeit wurde zum Glück schon geleistet - durch die Arbeit von Melzack und Wall die dem ganzen den Namen "Neuromatrix Theory" gegeben haben.

In den nächsten Postings werde ich versuchen die Grundlagen dieser Theorie zu erklären. Es wird nicht einfach sein dem Ganzen zu folgen weil das meiste davon gegen unsere Intuition geht - aber genau das ist der Schlüssel zum Erfolg. Nur wenn wir begreifen wie imperfekt wir sind können wir uns verbessern.

Wednesday, July 25, 2007

Rezeptive Felder

Wie schon mehrfach erwähnt, ist die Karte unseres Körpers die auf der Oberfläche des Gehirns liegt, nicht statisch - sie verändert sich laufend.
Wir wissen auch dass eine auf Feedback basierende Therapie - sei es visuell über einen Spiegel oder Monitor, oder durch konzentriertes Training - "krankhafte" Veränderungen dieser Karte sehr schnell rückgängig machen kann.
Nimmt man nun noch dazu dass bei chronischen Rückenschmerzpatienten das Ausmass der Veränderung direkt mit der Zeit in der der Schmerz besteht zusammenhängt (und mit der Schmerzstärke) - entsteht für mich ein klares Bild wo die Ursache von chronischen Schmerzen zu finden ist und wie man diesem vorbeugend entgegenwirken kann.

Unsere Nervenzellen (Neurone) sind für einen einzigen Zweck gebaut: Input zu empfangen. Neurone sind sehr extrovertiert ;-) und wollen ständig mit ihrer Umwelt in Kontakt stehen. Isoliert man eine Nervenzelle aus dem Gehirn und legt sie in Nährflüssigkeit in eine Petri-Schale so verlängert sie sich bis zu einem Drittel ihrer eigenen Länge! Neurone sind so "süchtig" nach Input dass sie alles nehmen was sich ihnen anbietet. Deshalb kann man sie auch mit Silikonchips bzw. "Computerchips" verbinden über die sie Signale empfangen können.

So stelle ich mir bildlich diesen Prozess vor:
Life On Titan

Hier meine Theorie: die Neurone die für die Lendenwirbelsäule zuständig sind empfangen zu wenig Input; die Ursache dafür ist der allgemeine "Bewegungsmangel" an dem reiche Industriestaaten leiden. Wir lassen bewegen statt es selber tun zu müssen. ;-) Das Gehirn versucht nun die Auflösung unserer Karte zu verbessern indem es mehr Neurone für die Karte der Lendenwirbelsäule bereitstellt. Mehr Fläche bedeutet mehr Feingefühl. Auf diese Art und Weise kann man "künstlich" die Menge an Input vergrössern. Im Prinzip kann man diesen Vorgang als fehlgeschlagenen Reparaturversuch ansehen. Denn selbst mit mehr Auflösung kommen nicht mehr Informationen im Gehirn an und der Bereich der Lendenwirbelsäule bleibt "stumm".

Warum Schmerz als Resultat?
Das hat Harris in seiner Hypothese sehr gut beschrieben: je mehr Fläche der Lendenwirbelsäule zur Verfügung steht umso grösser die Diskrepanz zwischen Bewegungsabsicht, Bewegungsempfinden und Feedback (v.a. visuell). Deshalb steigt mit der Zeit die Schmerzintensität, das Areal (ausstrahlende Schmerzen) und die Karte auf der Gehirnrinde wird grösser. Werden die 3 Faktoren wieder in Einklang gebracht dann verkleinert sich der schmerzhafte Bereich sehr schnell und die Karte schrumpft.

Wie kann man präventiv vorgehen?:
wie schön wäre es wenn man sich einfach nur mehr bewegen muss wie es die diversen Werbebotschaften versprechen.
Ganz so leicht ist es dann doch nicht: viele Patienten sind enttäuscht wenn sich an ihren Schmerzen auch nach längerem Training nichts verändert. Meist werden nämlich beim Training die Prinzipien die ich hier beschrieben habe nicht beachtet so dass dem Gehirn gar keine Möglichkeit gegeben wird sich anzupassen und eine neue Struktur anzunehmen.
Andererseits sollte auch eine kleine feine Umstellung im Lebenswandel erfolgen - denn Training alleine reicht oft nicht aus.

Am meisten können wir von den Schimpansen lernen: ihr "Grooming behavior" - also das gegenseitige Fellreinigen ist dafür das beste Beispiel. Hier bekommt der Rücken jede Menge kleine Impulse. Etwas ähnliches kann man im Haushalt mit so einfachen Sachen wie einem rauhen Handtuch erreichen - oder der Badebürste die ich jedem nur wärmstens empfehlen kann. Natürlich gibt es auch spezielle Rückenkratzer, etc. etc.

Alles was die Haut am Rücken in kleinen Dosen "reizt" ist gut. Und das täglich.
Wer des öfteren unter Nackenverspannungen leidet sollte mal versuchen mit einer rauhen Bürste den Bereich zwischen den Schulterblättern intensiv abzubürsten. Die Kopfbeweglichkeit z.b. beim drehen nach rechts und links ist danach oft deutlich höher.

Am interessantesten bei dieser Art der Therapie (und Prävention) finde ich dass man nur die Hautoberfläche (!) behandelt und alle anderen Wirkungen - Muskelentspannung, etc. automatisch erfolgen. Es zeigt auf sehr schöne Art und Weise wie wichtig und einflussreich Informationsfluss sein kann.

Saturday, July 7, 2007

Neurale Plastizität - Teil II

Es wäre schön wenn man zum Thema neurale Plastizität nicht mehr sagen müsste als das sie existiert - damit aber die darauf basierende Therapie effektiv ist muss man wissen wie man sie gezielt beeinflussen kann.

In einem früheren Posting habe ich ja schon die Existenz von Karten auf der Gehirnrinde erklärt. Das Bild zeigt dass die Karte keine 1:1 Darstellung unseres Körpers ist - sondern auf der "Empfindlichkeit" und den feinmotorischen Fähigkeiten beruht. So sind die Hände riesig und z.b. die Beine sehr klein - weil wir den ganzen Tag mit den Händen greifen, schreiben, ... - und nicht mit den Beinen.

Bei Musikern lassen sich diese Veränderungen sehr gut nachweisen - und das nicht nur in dem Bereich der für die Hände zuständig ist - sondern auch im auditiven Cortex - also dem Bereich des Gehirns der für das hören zuständig ist. Das ist eine gute Nachricht für alle Tinnitus-Geplagten - denn basierend auf diesen Erkenntnissen kann man endlich eine effektive Therapie entwickeln die die Ursache behandelt und nicht nur die Symptome.

Welche Prinzipien muss man bei der Therapie beachten?

1) Im Tierversuch hat sich gezeigt dass wirklich nur der Bereich sich verändert der auch stimuliert wird; d.h. wenn ich ein Problem mit den Fingern habe muss ich diese einzeln und gezielt stimulieren; es reicht nicht aus Bewegungen mit der ganzen Hand auszuführen.

Da bei Dystonien und CRPS die Karten von zwei oder mehr Fingern miteinander "fusionieren" muss ich - um wieder eine ordentliche Abgrenzung herzustellen - die Finger einzeln trainieren.

2) Visuelle Kontrolle: bei Tierversuchen hat man die schnellsten Veränderungen gesehen (hin zu chronischem Schmerz) wenn man den Tieren kein visuelles Feedback gegeben hat und die Bewegungen sehr viel Feinmotorik erfordern. In diesem Fall ist das propriozeptive Feedback sehr gering und das Gehirn hat keine Möglichkeit zu sehen ob die gesendeten Befehle auch wirklich richtig ausgeführt werden. Man vermutet dass das Gehirn versucht dieses Defizit durch "Wachstum" der Karten zu kompensieren (weil eine grössere Karte eine höhere "Auflösung" zulässt) - und dieser Kompensationsmechanismus dann zur Fusion der Karten und chronischem Schmerz als Resultat führt. Auch bei chronischen Rückenschmerzpatienten sind die Karten stark vergrössert. Da es schwierig ist hier visuelles Feedback zu geben muss man auf andere Techniken ausweichen. Prof. Flor und ihre Gruppe verwenden z.b. verschiedene Stromfrequenzen die der Patient unterscheiden muss. Als Therapeut in einer Praxis kann man taktiles und verbales Feedback geben, etc.

3) Konzentration: nur wenn die Aufmerksamkeit auf den stimulierten Körperteil gerichtet ist zeigen sich Veränderungen. Der Erklärungsmechanismus in diesem Fall steht leider noch aus - es scheint aber so zu sein dass wir unserem Gehirn "zeigen" können was wichtig ist indem wir uns auf eine Sache konzentrieren. Ich vermute dass hier ein Zusammenhang mit unserem doch sehr begrenzten Arbeitsspeicher besteht. Da wir auch nur für ca. 10 Minuten in der Lage sind uns zu konzentrieren sollten die Trainingseinheiten kurz aber öfter pro Tag stattfinden. 3-4 Einheiten pro Tag sind effektiver als 30 Minuten am Stück. "Meine" Rückenschmerzpatienten sind sehr oft erstaunt wie anstrengend 10 Minuten sein können - obwohl sie dabei liegen und sich nur auf die winzigen Bewegungen konzentrieren müssen die ich ihnen zeige.

4) "Memory Consolidation": das ist der treffende Begriff für "eine Nacht drüber schlafen". Abends zu trainieren ist sehr effektiv weil das Gehirn dann über Nacht Zeit hat die neu-erlernten Dinge eingehend zu verarbeiten. Will man eine neue Bewegung erlernen braucht unser Gehirn eine lange Störungsfreie Pause um nicht-erfolgreiche Versuche auszusortieren und die neuen Nervenbahnen permanent miteinander zu verschalten - und das kann es am besten im Schlaf (der dann auch qualitativ besser wird! - ein sehr schöner Nebeneffekt).

5) Nicht übertreiben: unser Arbeitsspeicher (Kurzzeitgedächtnis) hat eine begrenzte Aufnahmefähigkeit; dies gilt sowohl für die Menge die reinpasst als auch wie lange man sich etwas merken kann. Wenn ich versuche eine neue Bewegung zu lernen wird der Speicher gefüllt. Ist die Bewegung fehlerhaft muss ich dem Gehirn also Zeit geben den Speicher zu löschen bis ich die Bewegung erneut ausführe! Macht man das nicht wiederholt man die falsche Bewegung immer und immer wieder. Sehr schön zu beobachten sind hier (alle) Erwachsenen: lässt sich z.b. eine Schublade nicht auf den ersten Versuch öffnen wird mit immer mehr und mehr Kraft (Gewalt) dran gezogen bis der ganze Schrank wackelt. Danach setzt sehr schnell Frustration ein und der Konstrukteur wird verflucht. Die Schublade bleibt trotzdem zu. ;-)

Der umgekehrte Weg ist wesentlich effektiver: nach dem ersten Versuch sofort stoppen, das Problem analysieren (und somit andere Informationen in den Arbeitsspeicher laden) - dann neuer Versuch - mit weniger Kraft und langsamerer Ausführung - und voila - es funktioniert.

Ich nenne ungern Zahlen - aber eine vor kurzem veröffentlichte Studie hat die Pausenzeit mit ca. 4 Sekunden benannt. Erst dann ist der Speicher wieder frei für neue Bewegungsmuster.

Hat man diese Prinzipien verstanden kann man für jedes chronische Problem eine geeignete Therapie entwickeln die sich direkt an den Möglichkeiten und den Bedürfnissen des Patienten anpassen lässt. Auch sogenannte "Hausaufgaben" kann man daraus sehr gut herleiten. Ob es sich dabei um einen Musiker der seine Finger nicht mehr einzeln bewegen kann (focale Dystonie), einen Tinnitusgeplagten oder einen chronischen Rückenschmerzpatienten handelt ist dabei egal - denn die Ursache und Therapie ist vom Prinzip her die gleiche.

Ach ja - die Prinzipien sind natürlich für alles anwendbar das mit "lernen" zu tun hat. Also auch Fremdsprachen, jonglieren, etc.


So sieht es übrigens in unserem Gehirn aus wenn wir etwas neues lernen:

Inside the Primate Brain

Thursday, June 28, 2007

Neurale Plastizität - Teil I

Im Zusammenhang mit chronischen Schmerzsyndromen taucht immer wieder der Begriff "neurale Plastizität" auf. Es handelt sich dabei um einen Prozess der erst in den letzten Jahren - dank neuer bildgebender Verfahren - entdeckt wurde. Mit diesen Technologien kann man "dem Gehirn beim arbeiten zuschauen" - und damit sehen welche Bereiche zu welcher Zeit aktiv sind.

Man hat auch die Möglichkeit Veränderungen im Gehirn des Patienten im Laufe der Zeit zu dokumentieren - und so zu sehen ob und wie die Therapie das Gehirn verändert.

Auf diese Art und Weise hat man bereits bei vielen bisher als (fast) unheilbaren geltenden Erkrankungen entdeckt dass die ersten Veränderungen im Gehirn des Patienten auftreten - und dann erst nach und nach auch Symptome im Körper bzw. an den Extremitäten entstehen.

CRPS - auch bekannt unter den Namen Morbus Sudeck, Sympathische Reflexdystrophie, etc. ist eine dieser Problematiken; es ist primär eine Erkrankung des Gehirns! - die ganzen sichtbaren Symptome (Schwellung, Bewegungseinschränkungen,...) entstehen erst später - als Folgeerscheinung.

Eine symptomatische Behandlung ist in diesem Fall wenig hilfreich solange die (versteckte) Ursache nicht behoben werden kann.

Eine ähnliche Problematik sind auch Symptome die unter dem Begriff RSD/RSI zusammengefasst werden (Repetitive Strain Disorder/Repetitive Strain Injury). Im Deutschen u.a. bekannt als Tennisellenbogen oder der neu-kreierte "Mausarm". Bei vielen dieser Symptome findet man an der schmerzhaften Stelle (trotz intensiver Suche) keinerlei pathologische Veränderungen - die Sehnenansätze sind normal, nicht entzündet. Trotzdem sind Bewegungen (extrem) schmerzhaft. Auch hier finden sich bei Untersuchungen des Gehirns starke Veränderungen in der dem Körperteil zugeordneten Karte auf der Gehirnrinde.

Neurale Plastizität beschreibt also einen Prozess im Gehirn bei dem sich die tatsächliche Struktur unseres Gehirns verändert. Kurzfristig geschieht das über eine andere "Verschaltung" der Nervenzellen - langfristig über Neubildung von Synapsen und Nervenzellen so dass die Veränderungen "stabil" bleiben und auch Jahre später noch abgerufen werden können.

Das ist der Grund warum man z.b. das Fahrradfahren nie verlernt - es ist für immer fest in der Struktur unseres Gehirns gespeichert.

Ask A Ninja

Dieser Prozess, der für das lernen so wichtig ist, hat aber auch einen grossen Nachteil: wir lernen unter Umständen Dinge die hinderlich sind - z.b. chronische Schmerzen. Im Deutschen hat sich der Begriff "Schmerzgedächtnis" dafür eingebürgert.

Sunday, June 17, 2007

Theorie des Spiegeltrainings - Teil II



Im ersten Teil habe ich den Funktionsmechanismus zusammengefasst; in diesem Posting möchte ich den neurophysiologischen Hintergrund erläutern.

Ein grosser Teil der Oberfläche unseres Gehirns ist für eine Karte der Körperoberfläche reserviert, d.h. jeder Körperteil lässt sich auf dieser Karte auffinden. Wir verwenden das gleiche Prinzip mit Landkarten und Stadtplänen. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: möchte ich z.b. Entfernungen messen dann brauche ich nur auf der Karte nachschauen und muss die Strecke nicht in Wirklichkeit nachfahren.

Diese Karten sind in unserem Gehirn genetisch festgelegt, d.h. jeder besitzt eine Karte auf der 2 Arme, 2 Beine, etc. vorhanden sind - auch wenn die betreffende Person z.b. ohne Arme geboren wird! Ja - richtig gelesen - auch Menschen denen durch einen (Gen)Defekt eine Extremität fehlt können Phantomschmerzen empfinden weil ja die Karte dafür vorhanden ist.

Die Karten sind aber natürlich nicht statisch sondern werden laufend angepasst; so findet man bei Musikern (Violinisten) eine vergrösserte Darstellung der Finger einer Hand. Wo also mehr Input erzeugt wird - durch häufigen konzentrierten Gebrauch - vergrössert sich das Areal auf der Gehirnrinde.

Umgekehrt bei Amputationen: dort wird vom abgetrennten Körperteil kein Signal mehr empfangen und der entsprechende Teil auf der Gehirnrinde schrumpft; schlimmer noch: die benachbarten/angrenzenden Teile wandern in das Gebiet ein; daher ist es völlig normal dass Patienten die einen Arm verloren haben an der Wange empfindlicher werden - denn diese Bereiche liegen auf der Karte nebeneinander. Das was früher als vom Arm kommend empfunden wurde wird jetzt auf die Wange und den Arm umgeleitet.

Diese Änderungen in der Hardware des Gehirns bezeichnet man als "Neurale Plastizität"; sie finden auch statt wenn man neue Bewegungen erlernt. Manche dieser Veränderungen sind erwünscht (eben wie beim lernen) - bei chronischen Schmerzsyndromen sind sie aber eher nachteilig weil das Endergebnis chronischer zentral erzeugter Schmerz ist.

Durch das Spiegeltraining (und auch andere Therapieformen, die normales Feedback wiederherstellen) kann man diese Prozesse rückgängig machen und dauerhafte Erfolge erzielen.

Thursday, June 7, 2007

Theorie des Spiegeltrainings - Teil I

Spiegeltraining (besser: Training mit visuellem Feedback) funktioniert - basta.

Man hat es inzwischen mit fast allen chronischen Schmerzsyndromen versucht (Phantomschmerz, CRPS, Querschnittlähmungen, Schlaganfall, ...) und die Ergebnisse sind immer die gleichen: kurze Trainingsdauer führt zu schnellen und v.a. langanhaltenden Erfolgen.

Was ist das besondere an dieser Art der Therapie das den Erfolg ausmacht?

Wen man nicht viel Zeit hat und nur eine einzige Studie lesen möchte kommt man um die hier nicht rum:

A.J. Harris "Cortical Origin of Pathological Pain", THE LANCETVol 354 • October 23, 1999

Es ist genaugenommen keine Studie, sondern "nur" eine Hypothese - aber da sie noch aus dem letzten Jahrtausend stammt ;-) und man inzwischen fleissig weitergeforscht hat wurde inzwischen alles bestätigt was Harris noch als Spekulation bezeichnete.

Meine Zusammenfassung:

Jeder kennt das Gefühl das man empfindet wenn die Information die uns unser Gleichgewichtsorgan liefert nicht mit der Info übereinstimmt die unsere Augen liefern.

Bezeichnungen dafür sind z.b. Seekrankheit, Reisekrankheit, etc.

Dabei ist es völlig egal ob sich der Körper bewegt und die Augen keine Bewegung wahrnehmen oder umgekehrt.

Wer noch nie einen First-Person-Shooter erlebt hat dem wird normal nach kürzester Zeit übel (das zuschauen reicht dabei schon aus). Richtschützen in modernen Kampfpanzern erleben das umgekehrte Gefühl bei der Fahrt durchs Gelände - denn ihre Optiken sind stabilisiert, d.h. sie sehen keine Bewegung obwohl ihr Körper sich heftig bewegt.

Das Besondere an dieser Empfindung: das Endresultat ist nicht Schmerz, sondern Übelkeit. Vermutlich deshalb weil unser Gehirn Schwindel als von einer Vergiftung ausgehend interpretiert und Übelkeit erzeugt um den Magen leerzupumpen.

Harris spekuliert dass chronischer Schmerz nach dem gleichen Muster funktionieren könnte - basierend auf einer Inkongruenz zwischen Bewegungsabsicht, Bewegungsempfinden und visuellem Feedback. Es wurde nämlich eine Region im Gehirn entdeckt die dann aktiv wird wenn sich zwischen diesen 3 Faktoren Unstimmigkeiten ergeben.

Da - besonders bei Phantomschmerz - kein visuelles Feedback mehr existieren kann, weil der betroffene Körperteil nicht mehr vorhanden ist, ist auch klar. Und genau dieses Problem kann man eben mit dem Spiegel sehr elegant lösen: das Spiegelbild der noch vorhandenen Extremität sieht aus wie der fehlende Teil. Und da unser Gehirn nicht zwischen Realität und optischen Täuschungen unterscheiden kann (siehe die Postings zum Thema fehlerhafte Wahrnehmung) sieht es das Spiegelbild als echt an und der Schmerz verschwindet.


Schmerz entsteht erst wenn alle automatischen Mechanismen die unserem Gehirn zur Verfügung stehen ausgeschöpft sind (Schonhaltungen, etc.); erst dann empfinden wir Schmerz der uns durch die starke emotionale Komponente dazu bringen soll "etwas (dagegen) zu unternehmen". In diesem Fall sehe ich Schmerz nicht als Warnsignal, sondern eher als ein Zeichen dass unser Gehirn nicht in der Lage ist aus einer Situation Sinn zu machen und deshalb "uns" einschaltet damit wir uns darum kümmern.

Ob Frösche auch Phantomschmerz empfinden kann ich leider nicht sagen ;-):

Tasty

Saturday, June 2, 2007

Phantomschmerz

Die vorausgegangenen Postings haben gezeigt wie ungenau unsere Wahrnehmung in Wirklichkeit ist. Wir empfinden es anders - aber dieses Gefühl ist auch nur eine "Fassade" die uns von unserem eigenen Gehirn vorgetäuscht wird.
Ist vermutlich auch besser so - denn ohne das Gefühl Kontrolle zu haben würden wir nicht lange überleben; diesen Effekt sieht man sehr schön in Experimenten in denen man jemandem experimentell Schmerzen zufügt:
Personen denen man sagt dass sie das Experiment jederzeit abbrechen können empfinden den gleichen Reiz (Hitze, Strom, ...) als weit weniger schmerzhaft als Probanden die nichts machen können.

Im Tierversuch zeigt sich ausserdem dass Stresssituationen die nicht kontrolliert werden können zu all den typischen Problemen führen wie Bluthochdruck, Magengeschwüren, etc. - während das Gefühl Kontrolle über die Situation zu haben das verhindert.

Zurück aber zu unserer Wahrnehmung: die "Fehler" die unser Gehirn macht wenn es um das Sammeln von Informationen geht kann man auch nutzen um z.b. chronische Schmerzen zu behandeln.

Eine der schwierigsten Situationen im Bereich chronischer Schmerz ist Phantomschmerz. Die bisherigen Erklärungsmodelle sind alle gescheitert weil sie leider das Gehirn des Patienten völlig ausser acht gelassen haben. Man hat versucht alles mit einer rein peripher anatomischen Veränderung zu erklären, d.h. abgetrennte Nerven, etc.
Niemand ist auf die Idee gekommen eine Therapie zu entwickeln die die Sichtweise des Gehirns des Patienten mit einbezieht. Bis V.S. Ramachandran die "Mirror-Box" Therapie entwickelt hat.

Dabei wird dem Gehirn vorgetäuscht dass der amputierte Körperteil noch vorhanden ist und ganz normal bewegt werden kann; da das Gehirn dann keinen Konflikt mehr zwischen Bewegungs- und visueller Information erkennen kann hört der Schmerz nach wenigen Minuten auf:



Die ganze Therapie umfasst natürlich einen etwas längeren Zeitraum - also mehrere Trainingseinheiten pro Tag über mehrere Wochen - aber die Resultate sind so vielversprechend - und v.a. sofort zu spüren - dass es sich wirklich lohnt es zu probieren.

Die gleiche Technik kann man auch für andere schwerwiegende chronische Schmerzprobleme verwenden - allen voran CRPS - hier in Deutschland leider noch unter den Bezeichnungen Morbus Sudeck und Sympathischer Reflexdystrophie bekannt. Allerdings ist es dabei oft nötig die Therapie dabei zunächst auf einem niedrigeren Level zu starten da die Empfindlichkeit teils so hoch ist dass die Spiegeltherapie nicht gleich am Anfang verwendet werden kann.

Ach ja - da Phantomschmerz hier in Deutschland sehr gut erforscht wurde kann man alle Prinzipien die in der "Mirror-Box" Anwendung finden auch auf chronische Rückenschmerzen übertragen denen man dann ein für allemal Ade sagen kann - genau das also was ich in der täglichen Praxis mache.